Stoßlüften, Querlüften, Kipplüften, was ist was
Vier Begriffe, die in der UBA Schimmel Seite vom 13. Dezember 2024 vorkommen. Wir gehen sie der Reihe nach durch.
Stoßlüften
Fenster für kurze Zeit weit öffnen. Ziel: hoher Luftaustausch in wenigen Minuten, ohne dass die Wände auskühlen. Das ist die effizienteste Form der Fensterlüftung.
Querlüften
Mehrere Fenster an gegenüberliegenden Fassaden gleichzeitig öffnen. UBA wörtlich: "Der Luftwechsel wird wesentlich größer, vor allem dann, wenn Fenster an den gegenüberliegenden Fassaden zur selben Zeit geöffnet sind." Auch Durchzug genannt. Schnellster Luftaustausch.
Kipplüften
Fenster nur in Kippstellung. UBA bezeichnet "ständig angekippte Fenster" als zu vermeiden. Energieverlust steigt, die Fensterlaibung kühlt aus, Kondenswasser fördert Schimmel. Mehr dazu im Abschnitt zur Kippfalle weiter unten.
Dauerlüftung
Kontinuierlicher Mindestluftwechsel über Außenluftdurchlässe oder eine Lüftungsanlage. Begriff aus DIN 1946-6, ergänzt die Fensterlüftung dort, wo der Feuchteschutz nutzerunabhängig sichergestellt sein muss.
Wie oft und wie lange, die UBA Werte
Die Empfehlung des Umweltbundesamtes für Wohnräume, Stand 13. Dezember 2024. Sommer und Winter unterscheiden sich, weil der Luftaustausch ohne Temperaturdifferenz langsamer abläuft.
| Saison | Häufigkeit | Dauer pro Lüftung | Anmerkung UBA |
|---|---|---|---|
| Winter | 2 bis 3 mal täglich | ca. 5 Minuten | weit geöffnete Fenster, je nach Temperatur und Wind |
| Sommer | wie üblich | 10 bis 20 Minuten | Luftaustausch dauert länger ohne Temperaturdifferenz |
| Schlafzimmer (UBA) | abends und morgens | 5 bis 10 Minuten | intensiv, weit geöffnet |
| Bad und Küche | während und nach der Tätigkeit | 5 bis 10 Minuten | Tür zur restlichen Wohnung schließen |
Die Verbraucherzentrale ergänzt: bei Außentemperaturen unter 0 Grad reichen 3 bis 5 Minuten weit geöffnete Fenster aus, weil der Luftaustausch dann besonders schnell geht.
Wie schnell ist die Luft eigentlich draußen?
Praxisrechnung für ein Wohnzimmer mit 20 Quadratmetern, 5 Grad außen, 20 Grad innen.
Mit weit geöffnetem Fenster ist die komplette Raumluft nach rund 6 Minuten ausgetauscht. Mit gekipptem Fenster dauert es etwa 40 Minuten für den gleichen Effekt. Das ist mehr als das Sechsfache. Heizenergetisch kommt am Ende ungefähr der gleiche Verlust raus, weil sich beim Kippen über lange Zeit ähnlich viel Wärme verabschiedet wie beim kurzen Stoß. Den Unterschied macht die ausgekühlte Wand.
Für Schulen formuliert das UBA es noch konkreter: alle 20 Minuten 5 Minuten Querlüften reicht für eine Luftwechselrate von 3 pro Stunde und mehr. Das ist die Faustregel, mit der Lehrkräfte die CO2 Konzentration unter Kontrolle halten.
CO2 und Luftfeuchte, die zwei Messgrößen
Der Pettenkofer Wert von 1.000 ppm CO2 stammt aus dem Jahr 1858 und gilt bis heute als Orientierung. Der Ausschuss für Innenraumrichtwerte hat ihn 2008 in drei hygienische Stufen übersetzt.
| Bereich | Bewertung | Was zu tun ist |
|---|---|---|
| unter 1.000 ppm CO2 | hygienisch unbedenklich | kein Handlungsbedarf |
| 1.000 bis 2.000 ppm CO2 | hygienisch auffällig | Lüftung erhöhen, häufiger oder länger |
| über 2.000 ppm CO2 | hygienisch inakzeptabel | Lüftungsfähigkeit prüfen, ggf. Anlage |
| 40 bis 60 Prozent rel. Feuchte | Wohlfühlbereich UBA | Hygrometer hilft beim Kontrollieren |
Das UBA empfiehlt ein einfaches Hygrometer als Kontrollwerkzeug. Wer den Wert im Blick behält, sieht sofort, wann es Zeit zum Stoßlüften ist. Schon ein Bruchteil eines Lüftungskonzepts.
Raumweise, was UBA empfiehlt
Vier Räume, vier Empfehlungen. Jeder Raum hat sein eigenes Profil aus Feuchtequellen und Belegungsmustern.
Schlafzimmer
Vor und nach dem Schlaf
Vor dem Schlafengehen weit öffnen, morgens nach dem Aufstehen 5 bis 10 Minuten Stoßlüftung. Tür zu kühleren Schlafzimmern geschlossen halten, sonst kondensiert wärmere Luft aus anderen Räumen an den kühlen Außenwänden.
Bad
Sofort nach dem Duschen
Während und unmittelbar nach dem Duschen 5 bis 10 Minuten weit öffnen. Tür zur Wohnung geschlossen halten. Wasser von Wänden und Boden abziehen, ein Fensterabzieher hilft.
Küche
Beim Kochen und kurz danach
Während und nach dem Kochen Fenster weit öffnen. Feuchtespitzen sofort ablüften, sonst sammelt sich Kondensat an Wänden und Möbeln.
Keller
Saisonal denken
Im Sommer NICHT tagsüber lüften, weil warme feuchte Außenluft an den kalten Kellerwänden kondensiert. Stattdessen nachts oder in den frühen Morgenstunden. Im Winter jederzeit lüften.
Warum Kipplüftung die Schimmelfalle ist
UBA: "drastisch" mehr Energie
Wörtlich aus der UBA Schimmel Seite: "Es erhöht den Energieverbrauch und die Heizkosten drastisch, wenn Fenster über längere Zeit gekippt bleiben." Die Wand entlang der Fenster kühlt aus, Kondenswasser bildet sich an der Laibung, Schimmel folgt. Theoretisch ist der reine Luftaustausch beim Kippen identisch zum Stoßlüften. Bewohner kippen aber meist viel länger als nötig. Praxisangabe einzelner Energieberatungen: bis zu 200 Euro Mehrkosten pro Jahr durch dauerhafte Kipplüftung. Diese Eurozahl ist nicht UBA belegt, der Effekt selbst ist es.
Sommer und Winter, gegensätzliche Logik
Winter: heizen und lüften
Vor dem Stoßlüften die Thermostate herunterdrehen, sonst regelt der Heizkörper auf die einströmende Kaltluft hoch und brennt unnötig. Nach der Lüftung wieder hochstellen. Bei Außentemperaturen unter 0 Grad reichen 3 bis 5 Minuten, weil die Temperaturdifferenz den Luftaustausch beschleunigt.
Sommer: nachts kühlen, tagsüber dicht halten
UBA und co2online empfehlen übereinstimmend: nachts und in den frühen Morgenstunden lüften, tagsüber Fenster geschlossen halten und die Sonneneinstrahlung beschatten. Spätestens ab 11 Uhr nur noch kurz stoßlüften. Wer tagsüber kippt, holt sich die Hitze in die Wohnung.
Wäschetrocknen in der Wohnung ist im Sommer wie im Winter eine Feuchtequelle. UBA Empfehlung wörtlich: "nach Möglichkeit nicht in der Wohnung trocknen". Wenn doch, deutlich häufiger lüften und bei Trocknern ohne Kondenseinheit den Abluftschlauch nach draußen führen.
Was Stoßlüften nicht leistet
Die wichtigste Einschränkung kommt aus DIN 1946-6: Stoßlüftung deckt nur die oberen beiden Lüftungsstufen ab, also Nennlüftung und Intensivlüftung.
Die untere Stufe, der Feuchteschutz, muss nutzerunabhängig sichergestellt sein. Niemand kann verlangen, dass Bewohner alle vier Stunden ans Fenster gehen, nur damit kein Schimmel kommt. In dichten Gebäudehüllen, also Neubau und Sanierung mit dichten Fenstern, reicht reines Stoßlüften deshalb nicht aus.
Lösungen: Außenluftdurchlässe in Schlafzimmern, Schachtlüftung im Bad, eine Abluftanlage oder eine Zu Abluftanlage mit Wärmerückgewinnung. Welche Lösung passt, klärt das Lüftungskonzept nach DIN 1946-6 individuell pro Wohneinheit.
Was Mieter und Vermieter wissen sollten
Drei Urteile prägen die Linie der Gerichte beim Streit um Schimmel und Lüftungsverhalten. Sie schaffen einen klaren Rahmen für beide Seiten. Wenn die Minderung beziffert werden muss, liefert ein Mietwertgutachten die belastbare Bemessungsgrundlage gegenüber Mieter und Gericht.
-
01
BGH VIII ZR 182/06 (Juli 2007)
Vom Mieter darf kein unzumutbares Lüftungsverhalten verlangt werden. Im Sachverhalt galten 2 mal 15 Minuten oder 3 mal 10 Minuten Stoßlüftung pro Tag als zumutbar.
-
02
LG Frankfurt am Main, 2-17 S 89/11 (Februar 2012)
Drei- bis viermal tägliches Stoßlüften ist auch berufstätigen Mietern zumutbar, also vor Verlassen der Wohnung, nach Rückkehr und abends. Mieter müssen aber nicht während der Arbeitszeit zum Lüften nach Hause fahren.
-
03
BGH VIII ZR 271/17
Beweislast bei Schimmel: Der Vermieter muss zunächst bauliche Ursachen ausschließen, bevor er dem Mieter falsches Lüftungsverhalten vorwerfen kann.
Hinweis: Die Urteile sind keine Garantie. Im Streitfall hängt vieles am Einzelfall, an Bauzustand, Wärmebrücken und der Beweislage. Wer ein dokumentiertes Lüftungskonzept hat, steht in beiden Rollen besser da.
Verwandte Themenseiten
Vertiefung in den thematischen Nachbarn.
Praxis
Schimmel vermeiden
Bauliche Ursachen, Frühindikatoren, Sanierung.
Verfahren
Fensterlüftung
Wann reine Fensterlüftung reicht, wann nicht.
Norm
DIN 1946-6
Vier Lüftungsstufen, Verfahrenswahl, Auslegung.
Praxis
Lüftung im Altbau
Was sich ändert, wenn die alte Hülle dichter wird.
Verfahren
Wärmerückgewinnung
Lüften ohne Heizenergieverlust, mit Anlage.
Wartung
Hygieneprüfung
VDI 6038, wenn eine Anlage installiert ist.
Weiterlesen
Lüftungskonzept klärt, was Stoßlüften nicht kann
Sobald die Hülle dichter wird, reicht Fensterlüftung allein nicht mehr für den Feuchteschutz. Wir liefern den prüffähigen Nachweis nach DIN 1946-6 in fünf Werktagen, ab 149 Euro für das Einfamilienhaus.
Schnellcheck startenHäufige Fragen
Wie oft soll ich im Winter lüften?
Nach UBA 2 bis 3 mal pro Tag pro Raum, jeweils etwa 5 Minuten mit weit geöffneten Fenstern. Bei Außentemperaturen unter 0 Grad reichen 3 bis 5 Minuten.
Wie oft im Sommer?
Häufigkeit wie im Winter, Dauer aber 10 bis 20 Minuten pro Lüftung. Ohne Temperaturdifferenz dauert der Luftaustausch länger. Tagsüber bei Hitze besser nicht lüften, sondern nachts und früh morgens.
Reicht Kipplüftung statt Stoßlüftung?
Nein. Kipplüftung kühlt die Fensterlaibung aus und treibt die Heizkosten hoch. UBA empfiehlt ausdrücklich Stoßlüftung mit weit geöffneten Fenstern.
Welche CO2 Werte sind in Innenräumen unbedenklich?
Unter 1.000 ppm gelten als hygienisch unbedenklich (UBA Innenraumrichtwerte 2008). 1.000 bis 2.000 ppm sind auffällig, über 2.000 ppm inakzeptabel.
Welche Luftfeuchte ist optimal?
40 bis 60 Prozent relative Luftfeuchte. Ein einfaches Hygrometer hilft, den Wert im Blick zu behalten. Über 60 Prozent steigt das Schimmelrisiko, unter 40 Prozent werden Schleimhäute trocken.
Reicht Fensterlüften als Lüftungskonzept nach DIN 1946-6?
Nur für die oberen beiden Lüftungsstufen, also Nennlüftung und Intensivlüftung. Der Feuchteschutz muss nutzerunabhängig sichergestellt sein, dafür braucht es Außenluftdurchlässe oder eine Lüftungsanlage.
Wie oft müssen Mieter lüften?
Drei- bis viermal tägliches Stoßlüften ist nach Rechtsprechung zumutbar, auch für berufstätige Mieter. Das Lüften während der Arbeitszeit kann nicht verlangt werden.
Was hilft gegen Schimmel im Schlafzimmer?
Vor dem Schlaf und morgens je 5 bis 10 Minuten weit lüften, Tür zur restlichen Wohnung schließen, Möbel mit Abstand zur Außenwand stellen, Hygrometer aufstellen. Wenn Schimmel trotzdem kommt, ist meist eine bauliche Ursache wie eine Wärmebrücke schuld.